Nachdem ich gegen 10 Uhr endlich US Dollar in Händen hielt, habe ich die letzten 25 Kilometer bis zur Grenze in Angriff genommen. Zumindest die Landschaft wird wieder besser.
Ich kann nicht sagen, dass es mir leicht gefallen ist, aber heute habe ich den Schritt getan, und habe erfolgreich versucht, das gelobte Land zu betreten.
Von wem und wofür gelobt habe ich allerdings im Moment nicht parat. Egal. Ich bin in Gods own Country.
Zuerst hat alles ganz vielversprechend begonnen. Schon die ganzen 25 Kilometer von Cardston bis zur Grenze sind mir Oldtimer entgegen gekommen, und in der Tat, vor der kanadischen Grenzstation stand eine ganze Schlange von den Gefährten und begehrte Einlass. In der anderen Richtung war aber nur ein Fahrzeug vor mir, so dass ich nach wenigen Minuten warten herangewunken wurde.
Der Typ am Fenster war ausgesprochen freundlich, hat mir natürlich die üblichen Löcher in den Bauch gefragt. Wohe, wohin, wie lange in Kanada, wie lange in USA, ob ich heute Waffen dabei habe, da musste ich kurz lachen, hat er aber ignoriert. Nein, keine Waffen. Irgendwelches Fleisch? Nein auch nicht.
Nachdem die erste Befragung beendet war, hat er mich gebeten, mein Fahrrad um die Ecke abzustellen und ins Gebäude zu kommen.
Dort hat er meinen Ausweis an einen Kollegen übergeben, der mich, bis auf den Gesichtsausdruck, sehr stark an das Michelin-Mänchen erinnert hat.
Nach ein paar Minuten blöden rumlaberns hat sich dieser dann doch bequemt, ist auf mich zugekommen, hat sich vor mich hingestellt und erstmal herzhaft gerülpst. Als Repräsentant seines Landes hat er mir schon mal ganz klar zu verstehen gegeben, dass auf Umgangsformen hier kein Wert gelegt wird. Dann hat er mir die gleichen Fragen nochmal gestellt, bla bla, ob ich schon mal eingesessen hätte. Nein, hab ich nicht. Wirklich? Sicher? Keine Waffen? Keinen Pitbull? Nein, ich fahr mit leichtem Gepäck! Ok, auch keinen kleinen Hund? Keinen Wellensittich? …
Dann wurde ich erkennungsdienstlich behandelt. In einem sehr strengen Deutsch hat er mir erklärt, welche Finger ich jetzt wie auf den Scanner legen soll. Ob diese Gestapo-Nummer jetzt lustig oder als Stinkefinger zu verstehen war kann ich nicht sagen.
Jedenfalls würde ich danach für ausreichend unbedenklich eingestuft und durfte einreisen. Danke lieber Michelin-Mann.

Ich hab mich dann weitere 20 Kilometer ins Hinterland gewagt und mir dort in einem kleinen Laden erstmal ein kaltes Getränk gekauft.
Dort hab ich mich mit drei älteren Herrschaften ganz nett unterhalten, bevor ich die letzten Kilometer unter die Pedale nahm, um endlich St. Mary, das Tor zum Glacier Nationalpark, zu erreichen. Dort hatte ich mir einen Campground ausgesucht, und wohlwissend die Adresse auswendig gelernt. Musste ich natürlich beim Grenzer angeben, wo ich gedenke zu nächtigen.
Übliches Vorgehen: zum Campground, dort den Platz für die Nacht klar machen. Zelt aufbauen, Gepäck abladen, wenn es schon etwas abgekühlt hat, duschen, frische – wer's glaubt – Klamotten anziehen und dann mit einem federleichten Fahrrad die Örtlichkeit erkundigen. Das ganze ging recht zügig, kein Wunder bei lediglich 5 oder 6 öffentlichen Gebäuden, also Kneipe, Supermarkt, Visitor Info, …
Aber als ich aus dem Supermarkt rauskam, ungefähr 5 Minuten nachdem ich rein gegangen bin, erkannte ich draußen nichts mehr. Ich fühlte mich in einem Hyronimus Bosch Gemälde. Alles war in schwefelgelbes Licht getaucht und ein Orkan wirbelte Unmengen von Staub und Blättern durch die Luft. Gegen den Wind ankämpfend, war ich ja schon gewohnt, bin ich schleunigst zum Zelt geradelt, gerade noch rechtzeitig, bevor draußen wirklich die Hölle los war. Mir wars egal. Ich hab mich hingelegt, bin aber leider erst um 21:45 Uhr wieder aufgewacht. Jetzt war aber 22 Uhr genau die Zeit, zu der die mexikanische Imbissbude, die ich als Ort meines Abendessens auserkoren hatte, schließen wollte.
Am Ende blieb mir nur noch eine Pizzeria übrig, in der ich nach 5 Minuten der einzige Gast war. Aber die Pizza war gut und es gab IPA vom Fass. Alles gut.
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